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10.12.2015   News
"Nicht viel mehr als der Mindestlohn"
 
Die Gesellschaft Public Relations Agenturen (GPRA) hat Standards für Traineeships vorgelegt. Vor allem der Vorschlag, dass Trainees mindestens 1.600 Euro bekommen sollen, sorgt bei PR-Studenten für Kritik. Und auch von einigen unserer Leser gibt es Schelte. Einer schrieb: "Es kann doch wohl nicht wahr sein, dass GPRA-Agenturen den selben Mindestlohn zahlen, den ungelernte Kräfte bei McDonald's an der Theke verdienen" ...

Wir dokumentieren die Stellungnahme der Studierendeninitiativen campus relations e.V. (Münster), kommoguntia e.V. (Mainz), LPRS e.V. (Leipzig) und PRSH e.V. (Hannover) im Wortlaut:
Da uns die von der GPRA festgelegten Mindeststandards für Trainees als Stellvertreter des Branchennachwuchs betreffen, möchten wir mit einer gemeinsam formulierten Stellungnahme die studentische Sicht zur Branchen-Diskussion über die Qualität der Agenturbewerber einerseits und die Rahmenbedingungen der Berufsausbildung andererseits darlegen.
Einheitliche Standards für Traineeships
Zunächst begrüßen wir die Festlegung von Mindeststandards für Trainees durch die GPRA und die damit verbundenen Vereinheitlichungsbestrebungen der Ausbildung hinsichtlich einer Professionalisierung des Berufsstandes in den GPRA-Agenturen. Als positiv nehmen wir vor allem die festgelegten Rahmenbedingungen wie die feste Zuteilung eines Betreuers, die strukturierten Weiterbildungsangebote und regelmäßige Feedbackmöglichkeiten wahr. Allerdings kritisieren wir insbesondere Dauer der Ausbildung und die Höhe der Vergütung, die wir auf eine fehlende Differenzierung unterschiedlicher Ausbildungshintergründe zurückführen.
Kostendeckende und wertschätzende Vergütung
Die Mindeststandards für Trainees beinhalten ein Mindestgehalt von 1.600 Euro. Dieser Betrag entspricht bei einer 40-Stunden-Woche nicht viel mehr als dem Mindestlohn, welcher bereits Praktikanten zusteht und in keiner Weise die Arbeit eines Berufseinsteigers würdigt. Dies gilt insbesondere für Studierende fachbezogener Bachelor- und Masterstudiengänge, die bereits über ein Spektrum an fachlicher Kompetenz verfügen. Da viele Studiengänge bereits Praktika in diesem Bereich als Zulassungsvoraussetzung formuliert oder in Form von Pflichtpraktika im Studienplan festgelegt haben, verfügen die Studierenden neben theoretischen Kenntnissen auch über praktische Fähigkeiten.
Ein Trainee-Gehalt muss die Leistung wertschätzen und letztlich auch die Lebenshaltungskosten decken. Der von der GPRA festgelegte Mindeststandard folgt dieser Logik bislang nicht. Auch ist noch kein einheitliches Verständnis über die Funktion und den Nutzen des Traineeships nach einem absolvierten Kommunikationsstudium vorhanden. Dies spiegelt sich ebenfalls in den starren Zeitvorgaben wider.
Gemeinsamer Dialog
Vor diesem Hintergrund bedauern wir, dass wir nicht in die Verhandlungen mit einbezogen wurden. Wir hätten uns gern an einem Austausch beteiligt, um die Interessen und Ansichten der Studierenden angemessen vertreten zu können. Denn in der aktuellen Form erhöhen die Mindeststandards keineswegs die Attraktivität der Agenturen für künftige Bewerber.


Reaktionen unserer Leser: "Da wird (fast) jede studentische Aushilfe besser bezahlt"

Auch auf unserer Facebook-Seite wurde der GPRA-Vorschlag diskutiert und kritisiert. Eine Auswahl:
Tapio Liller (Oseon): "Bei angenommener 40-Stundenwoche kommt ein Trainee damit auf 10€ Stundenlohn. Da wird (fast) jede studentische Aushilfe besser bezahlt. Die Mindeststandards sind inhaltlich in Ordnung und entsprechen dem, was heute moderne Agenturarbeit ausmacht. Dass PR-Leute in Ausbildung die Bandbreite der Agenturarbeit kennenlernen und möglichst auch praktisch erlernen sollten, versteht sich eigentlich von selbst. Mit einem Mindestgehalt von 1600€ im Monat wird aber nur der Status Quo der Unterbezahlung durch viele Agenturen zementiert und von einem Branchenverband als akzeptabel festgeschrieben. Was hierbei unter den Tisch fällt ist die Tatsache, dass auch die GPRA-Agenturen gern qualifizierte Absolventen haben, die zurecht mehr zum Jobeinstieg erwarten als ein paar warme Worte und 10€ die Stunde. Auch und gerade die GPRA sollte sich der Realität stellen und anerkennen, dass die PR-Branche in einem Wettbewerb um die besten Talente steht, die anderswo - nämlich außerhalb der Agenturwelt - finanziell von Anfang an besser gestellt werden. Disclosure: Wir bei Oseon zahlen Einsteigern mindestens €2100 pro Monat, oft mehr. ...
Ich finde es vorsichtig formuliert irritierend, wie sehr die GPRA einerseits für sich in Anspruch nimmt, Branchenstandards setzen zu wollen, sich aber andererseits ausgesprochen hartnäckig der Realität verschließt. So ein Papierchen zu Standards ist so nicht mehr als ein Feigenblatt."
Jürgen Braatz (Fondswissen Beratung): "1.600 Euro im Monat entsprechen bei realistischer Arbeitszeit, die in vielen Agenturen und bei Berufseinsteigern eher bei 50 Stunden liegen dürfte, ungefähr dem gesetzlichen Mindestlohn (8,50x9x22). Es kann doch wohl nicht wahr sein, dass GPRA-Agenturen den selben Mindestlohn zahlen, den ungelernte Kräfte bei McDonald's an der Theke verdienen."
Daniel J. Hanke (Klenk & Hoursch) verwies noch einmal auf seinen Beitrag "Ich verachte Agenturen, die Berufseinsteiger mit 1.600 Euro abspeisen!" und schrieb: "Im Grunde kann die GPRA in diesem Kontext über zwei Dinge froh sein: Dass der Verband nicht mit jedem Thema oberhalb der Wahrnehmungsschwelle unterwegs ist und dass Berufseinsteiger*innen auch 2015 noch wenig (beruflich) im Social Web unterwegs sind. Ein Shitstorm ist also unwahrscheinlich ..."
Larissa Leise: "Wobei im "Kampf" gegen derartige Einstiegsgehälter nicht nur ein Shitstorm effektiv ist, sondern eben die banale Tatsache, sich mit abgeschlossenem PR-spezifischen Studium nicht in einer solchen Agentur zu bewerben. Gott sei Dank gibt es nicht nur "schwarze Schafe" in der Kommunikationsbranche."
Cornelius Winter (365 Sherpas): "Inhaltliche Rahmenbedingungen sind ok. Gehalt nicht. Auch wenn Verband alle Mitglieder bündeln muss, ist Mindestlohn zu wenig und beschämend. Wir bei #365Sherpas werden unsere Trainee Einstiegsgehälter zum 1.1. erhöhen: von 24.000 auf 28.000 EUR p.a."
Thomas Pleil (Professur für Public Relations, Darmstadt): "Offenbar sind gar keine PR-Absolventen gewünscht. Wenn ich mir die Inhalte so anschaue, die ein GPRA-Traineeship ausmachen, braucht's jedenfalls vorher kein PR-Studium."
Lan Anh Nguyen (PR-Studentin, Hannover): "Meine ehemaligen Vorstandskolleginnen und ich wundern uns auch sehr, dass die von uns initiierte Nachwuchsdebatte anscheinend nicht so viele Früchte getragen hat ..."

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