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Anton Hunger
10.07.2018   News
Ohne Gegner kein Spiel
Investigativ-Ressorts leben von Enthüllungen, pfiffige Kommunikatoren wissen das zu nutzen. Anton Hunger über die Beziehungsprobleme zwischen Journalismus und PR.

"Watergate" war die Initialzündung für die flächendeckende Verbreitung des investigativen Journalismus, zum Hochamt der aufklärerischen Zunft machten es schließlich "Panama-Papers" und "Paradise-Papers". Dazwischen landeten Enthüllungen über die Schummelsoftware bei Dieselmotoren, die Pleite des Vermögensverwalters S&K oder die Doping-Exzesse im Sport-Geschäft. Allesamt große journalistische Leistungen, die dem ehernen Grundsatz, der Wahrheit zu dienen, gerecht werden.


Bisweilen klaffen allerdings Anspruch und Wirklichkeit auseinander. Das ist durchaus erklärbar, wenn Leute, die etwas Verfängliches wissen, nicht reden oder die Dokumente nicht herausrücken. Es passiert dann schnell, dass bei den Schreibern die Wortwahl nicht mehr mit den Fakten korrespondiert. Skandalisiert werden vielfach Fälle, die sich bei genauerer Recherche allenfalls als moralische Verfehlungen herausschälen. Nachrichten mutieren dann gern zum Instrument der Unterhaltung, um die niederen Bedürfnisse der Leser zu befriedigen.


Das kommt nicht von ungefähr. So ziemlich jede Redaktion schmückt sich heute mit einem Investigativ-Ressort. Und wer als Journalist drei Mal einen Scoop gelandet hat, findet sich schnell in diesem Königs-Ressort wieder. Exklusiv-Stories sind schließlich eine harte Währung im Journalismus. Das Problem ist nur: Der mit dem Lorbeer gekrönte Investigativ-Journalist muss liefern, immer wieder. Die einmal recherchierte Enthüllung ist nur die Ouvertüre für die nächste, die erwartet wird.


Politiker zieht es trotzdem an jedes Mikrofon, das ihnen entgegengehalten wird. Unternehmer dagegen wissen inzwischen um die Erwartungshaltung von Reportern - und gehen ihnen eher aus dem Weg. Und wenn es sich nicht vermeiden lässt, engagieren sie Spin Doctors, die ihnen die Eisen aus dem Feuer holen sollen. Manchmal gelingt es, oft aber auch nicht. Und bisweilen führen die "Hexenmeister" die ganze journalistische Zunft an der Nase herum. Der Wahrheitsfindung dient das nicht.


Gewiss, Stefan Schabirosky ist nicht gerade ein Muster-Kronzeuge, wie Investigativ-Ressorts als Einfallstor für fragwürdige PR dienen. Aber er beschreibt in seinem Buch "Mein Auftrag: Rufmord" wie er die edlen Wahrheitssucher regelmäßig auf falsche Fährten lockte. Der Selbst-Enthüller behauptet, Journalisten von TV und Printmedien mit manipulierten Dateien hereingelegt zu haben, um die ihnen so sehnlichst gewünschte Munition gegen den AWD-Chef Carsten Maschmeyer, den "Drückerkönig" der Vermögensverwaltungsbranche, zu liefern. Natürlich nicht aus eigenem niederen Antrieb, sondern im Auftrag des AWD-Wettbewerbers DVAG, der Maschmeyer angeblich "plattmachen" wollte. Der Buchautor nennt auch Namen, die er instrumentalisierte: Alles renommierte Adressen der sendenden und schreibenden Zunft, zum Teil mit Preisen ausgezeichnete Journalisten der ersten Garnitur.


Auch wenn das Machwerk kaum zu einem veritablen Skandal reicht, so zeigt es doch die schwache Stelle der Investigativ-Ressorts: Die mangelnde Sorgfalt bei der Gier nach Exklusiv-Stories. Fixe PR-Leute und Spin Doctors wissen diesen Umstand zu nutzen. Und wenn sie wieder einmal eine Gespenstergeschichte untergebracht haben, lassen sie gerne die Champagner-Korken knallen.


Man kann darüber die Nase rümpfen, aber so läuft das Geschäft. Zusätzliche Kontrollmechanismen in den Verlagen würden nicht viel bringen, wenngleich die Bedeutung der Dokumentationsabteilungen zweifellos zunimmt. Die Richtschnur bleibt am Ende das Postulat der journalistischen Ethik: Die Wahrhaftigkeit muss mehr Gewicht haben als die Exklusivität. Schließlich gilt, was Detlef Esslinger in der "Süddeutschen Zeitung" so treffend über seinen Berufsstand formulierte: "Wer öffentlich redet und schreibt, bei dem fließt immer auch sein Charakter ins Produkt ein."


Diese Erkenntnis ist nicht nur eine Mahnung für Journalisten, sie trifft auf PR-Leute genauso zu. Beide Professionen bedingen sich ja gegenseitig, auch wenn dies bei der schreibenden Zunft gerne ignoriert wird. Aber die Jobdeskription der PR lautet ja nicht Desinformation, wenngleich Verschleierung offensichtlich zum Geschäft gehört. Ohne die eine und andere gute Geschichte jedenfalls, die ein PR-Stratege unter der Hand zum Besten gibt, gäbe es weniger gute Geschichten in den Zeitungen und bei den Sendern. Und Journalisten schreiben ja nicht darüber, wie sie an ihre Geschichten gekommen sind.


Bei aller öffentlichen Unkenntnis über das Zusammenspiel von Journalismus und PR: Das Ergebnis kann sich sehen lassen. Die Deutschen mögen ihre Zeitungen, den "Lügenpresse"-Schreiern zum Trotz. 62 Prozent der über 14-Jährigen lesen täglich Zeitung, 96 Prozent von ihnen halten ihre Tageszeitung für "glaubwürdig". Das ist ein Pfund, auf das die Branche setzen kann.


Auf internationaler Bühne scheint das nicht wesentlich anders zu sein. Reiche Leute wie Warren Buffet, Jeff Bezos oder Bernard Arnault kaufen Zeitungen, am liebsten Zeitungen mit großen Namen. Sie tun das nicht in erster Linie, um Einfluss zu nehmen. Nein, sie kaufen sich mit den Zeitungen Ansehen. Die Zeitung ist ganz offensichtlich ein Statussymbol - obwohl nicht nur aufgeklärt wird, sondern auch verklärt, obwohl nicht nur erklärt wird, sondern auch verschleiert. Auch und gerade mit eigennütziger Mithilfe der PR.


Seit vielen Jahren räumt mir das "Medium Magazin" (erscheint wie der PR Report im Verlag Oberauer) den Platz ein, um die Beziehungsprobleme zwischen Journalismus und PR zu thematisieren. In diesem Buch sind die wichtigsten Kolumnen zum Streitthema "Inszenierung der medialen Wirklichkeit" zusammengefasst. Es ist also die Fortsetzung des 2014 erschienen Bandes "Die Wahrheit liegt auf dem Platz" - dem philosophischen Imperativ von Otto Rehhagel, der seine Gültigkeit nicht nur für den Fußball hat.


Das vorliegende Buch "Die PR als Futtertrog für den Journalismus" ist ein weiterer Versuch, das Beziehungsgeflecht zwischen den Protagonisten der Medienszene zu entwirren. Und manchmal hilft es ja auch, wenn das Verständnis zwischen Journalisten und PR-Managern wächst.


Mag sich das Fußballspiel "durch die Anwesenheit des Gegners verkomplizieren", wie Jean-Paul Sartre meinte. Richtig bleibt: Ohne Gegner gibt´s kein Spiel. Das gilt erst recht für das Mannschaftsspiel der schreibenden Zunft mit den PR-Leuten.


 


Tipp: Der zitierte Text ist das Vorwort zu Anton Hungers Buch "Der Futtertrog für den Journalismus". Es ist in der Edition Oberauer erschienen. Sie können es in unserem Shop sowohl gedruckt als auch digital erwerben. Hier finden Sie auch weitere Verlagspublikationen wie "In 10 Tagen zum Traumjob in Medien und PR" von Verena Renneberg. kress.de erscheint im Medienfachverlag Oberauer.




Zur Person: Anton Hunger, Jahrgang 1948. Studierte Volkswirtschaft, Politik und Soziologie an den Universitäten Tübingen und Regensburg, absolvierte auch eine Schriftsetzerlehre und arbeitete zwei Jahrzehnte als Journalist, u.a. bei der "Stuttgarter Zeitung" und dem Münchner "Industriemagazin". Von 1992 an war er 17 Jahre Kommunikationschef bei Porsche in Stuttgart. Er ist Mitgesellschafter beim Wirtschaftsmagazin "brand eins", Kuratoriumsmitglied der "Zeitenspiegel Reportageschule" und ständiger Kolumnist beim "Medium Magazin". Ausgezeichnet mit Journalistenpreisen, ausgezeichnet auch als PR-Manager des Jahres. Von ihm herausgegeben erschien bei Eichborn (2002), später bei Wagenbach (2007) der Band "Das Davidprinzip". Einen großen Erfolg hatte er bei Piper mit seiner "Gebrauchsanweisung für Schwaben" (2007 und 2016). Bei Klöpfer & Meyer erschien von ihm "Blattkritik" (2013), ebenso das abgründig-hintergründige Geschichtenbrevier "Nah am Wasser" (2014) sowie der im Zeitungsmilieu spielende Kriminalroman "Der Pakt mit dem Teufel" (2017). Im Verlag Oberauer erschien zuletzt "Die Wahrheit liegt auf dem Platz" - eine Abhandlung über die vertrackte Beziehung von Journalisten und PR-Leuten (2014). Anton Hunger lebt und arbeitet heute als Publizist am Starnberger See.

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