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News / Paris 1879: Mit Argusaugen lesen
25.09.2008   News
Paris 1879: Mit Argusaugen lesen
 

Ausschnitt, Argus, Metropol: Ein Streifzug durch die bewegte Geschichte der Clipping-Dienste. Von Frank Behrens

März 1975. Manfred Matthes reist nach Paris. Nichts Besonderes für den West-Berliner. Doch er ist im Auftrag seines Kunden Peter Lorenz unterwegs, damals CDU-Chef der Sektorenstadt. Der saß in einem Keller, entführt von der „Bewegung 2. Juni“, und war CDU-Spitzenkandidat bei den Berliner Abgeordnetenhauswahlen. Matthes will in Paris das internationale Presseecho des spektakulären Kidnappings holen. „20.000 Artikel konnte die Clearingstelle der Pressedienste mir geben.“

Matthes, damals 30, hatte kurz zuvor die Nachfolge seines Vaters als Chef des „Pressebeobachtungsbüros“ Metropol angetreten. Matthes senior hatte das Büro 1926 gegründet. „Er war Journalist und hatte das Problem, dass die Zeitungen nicht zahlten“, erzählt der Sohn. Um seine Honorare einzutreiben, durchforstete er Zeitungen. Ein Unterfangen, das sich verselbstständigte. Fritz Lang fragte, ob nicht auch seine Presseresonanz zu erfassen wäre. Lang wurde Kunde, nach dessen Film „Metropolis“ benannte Matthes seinen Dienst. Künstler waren wichtige Kunden, sie wollten wissen, was über sie geschrieben wurde. Argus de la Presse in Paris etwa, 1879 von Alfred Chérié gegründet, belieferte zunächst Opernsänger. Der Kundenkreis der Dienste erweiterte sich um Politik und Wirtschaft. Während des Dritten Reiches gehörte auch die NSDAP zu den Metropol-Kunden.

Seit 1931 bis zum Verkauf an den Online-Dienstleister Presswatch  2004 lag das Metropol-Büro in der Uhlandstraße 184. In den Siebzigern zählte Ensslin-Anwalt Otto Schily zu Matthes’ Kunden. Das führte zu Nachfragen der Behörden. „Ich konnte aber erklären, warum in Stammheim meine Schnipsel herumlagen.“ Anfangs dienten die 330 Quadratmeter in Ku’damm-Nähe auch als Wohnung der Familie. Zuletzt arbeiteten dort nur noch die Lektoren. Täglich wurden acht Postsäcke mit Zeitungen geliefert. Seit den frühen Neunzigern arbeiteten die Lektoren mit Computern, ein Express- und damit Schichtdienst wurden eingeführt.

Metropol war nicht das erste deutsche Pressebeobachtungsbüro. Bereits 1887 war in Stuttgart das Argus Pressebüro gegründet worden. 1950 kaufte Joachim von Beust, der seit 1947 eine Presseauswertung betrieb, das Argus-Büro. Die Berliner Kunden trat er an „Der Ausschnitt – Büro für Pressebeobachtung“ ab, gegründet 1946 von Georg Achterberg in Berlin-Lichterfelde. Einer der ersten Kunden war der Zoologische Garten. Der Ausschnitt sollte jahrzehntelang Marktführer bleiben. „Erst um 1995 haben wir Ausschnitt überholt“, sagt Joachim von Beust junior, der seit 1978 Co-Geschäftsführer war. „Ich wollte der Konkurrenz technologisch voraus sein“, kommentiert der Sohn sein Streben. Er nennt die Express- und Fax-Dienste sowie den Start der TV-Beobachtung Ende der Achtziger. 1998 stieg Observer aus Schweden ein. 2003 verkaufte von Beust seine letzten Anteile. Seither leitet er nur noch die ehemalige Brüsseler Argus-Filiale, die ihm 1978 von seinem Vater angetragen worden war. Euro Argus in Brüssel agiert heute unabhängig von der Cision-Gruppe (ehemals Observer).

Ein tiefer Einschnitt waren die neunziger Jahre auch für Ausschnitt. 1986 hatte Achterbergs Tochter das Unternehmen an Investoren verkauft. 1995 wurde fünf Jahre nach der Übernahme des ehemaligen VEB Globus Zeitungsausschnittdienst die Deutsche Medienbeobachtungs Agentur gegründet, in der der Vertrieb der Ausschnitt-Gruppe gebündelt wurde. Bereits 1993 war in Frankfurt/Oder die Hermes Medienbeoachtung gegründet worden, die Clippings an den Vertrieb liefern sollte. 2004 wurde, die Achterberg Service GmbH, direkter Nachfolger des „Auschnitt“-Pressebüros und neben Hermes noch zweiter Zulieferer für Ausschnitt Medienbeobachtung, liquidiert. 1997 bereits hatte Lothar Landau Ausschnitt im Streit verlassen und zwei enge Mitarbeiter, Michael Busch und Uwe Mommert, mitgenommen. Sie gründeten einen Steinwurf von ihrem alten Arbeitgeber entfernt ihren eigenen Monitoringdienst: Landau Media, das heute mit Ausschnitt und Cision das Dreigestirn der deutschen Medienanalyseszene bildet. Großen Druck auf die Clipping-Dienste hatte nicht nur die seit 1990 voranschreitende Digitalisierung ausgeübt, sondern auch die sich damit verschärft stellende Frage nach der Zulässigkeit elektronischer Pressespiegel. Faktisch gelöst wurde sie 2000 mit der PMG-Gründung.

Da konnte Matthes nicht mehr mithalten, die PMG-Gebühren waren zu hoch. Noch 1979 hatte er wegen zweier Kunden ein Faxgerät gekauft. „14.500 Mark ohne Mehrwertsteuer kostete mich das“, erinnert er sich, „aber außer den zwei Kunden hatte noch kein Mensch ein Fax.“