Please wait...
News / PRR-History: Rotterdam 1973 – Der Ölpreis steigt
25.06.2008   News
PRR-History: Rotterdam 1973 – Der Ölpreis steigt
 

Tempolimits und Fahrverbote – das hat es auch in der Bundesrepublik gegeben: während der Ölkrise 1973. Von Frank Behrens

So fürchterlich sei es gar nicht gewesen, erinnert sich Thomas Ukert. „Die deutliche Rohölpreissteigerung in Rotterdam machte die Preissteigerungen an den Tankstellen plausibel“, erinnert sich der ehemalige Esso-Sprecher (1970-90) an den Herbst 1973. Die Mineralölindustrie sah zunächst kaum Erklärungsbedarf. Doch das sollte sich ändern.

Die Vorgeschichte: Am 6. Oktober 1973, dem jüdischen Feiertag Jom Kippur, hatten die arabischen Staaten Israel angegriffen. Das Ziel: Die Rückeroberung der 1967 verlorenen Gebiete. Nach Anfangserfolgen waren die Syrer am 10. Oktober auf dem Golan vernichtend geschlagen, die Ägypter auf dem Sinai am 16. Oktober wieder hinter den Suez-Kanal zurückgeworfen. Der Waffenstillstand vom 22. Oktober sah die Ägypter und Syrer als militärische Verlierer. Doch politisch sah es günstiger für sie aus. Die arabischen Nationen hatten bewiesen, dass sie weiter ein Faktor im Nahen Osten waren, und sie nutzten die Gelegenheit, der Welt eine effektivere Waffe vorzuzeigen als sowjetische Panzer und Düsenjäger: ihr Öl.

Am 17. Oktober reagierte die OPEC, die Organisation der erdölexportierenden Staaten, auf das Ergebnis des Jom-Kippur-Krieges mit einer Drosselung ihrer Exporte um fünf Prozent. Gegen die USA und die Niederlande wurde ein Lieferboykott verhängt. Verknüpft wurde dies mit der Forderung an den Westen, die Unterstützung Israels aufzugeben. Die Folgen für den Ölpreis waren dramatisch. Noch am 17. Oktober stieg der Preis für ein Barrel Rohöl (159 Liter) um rund 70 Prozent von etwa drei auf mehr als fünf US-Dollar. Im Jahresverlauf 1974 waren für das Barrel Rohöl bereits zwölf US-Dollar fällig. Der Ölpreisschock des Oktober ’73 machte sich umgehend an den Tankstellen bemerkbar. Mussten die Bundesbürger für den Liter Normalbenzin 1972 im Schnitt nur 62,3 Pfennig (Diesel: 64,2 Pfennig) bezahlen, waren es 1973 bereits 69,4 Pfennig (Diesel: 70,6 Pfennig) und 1974, als das neue Preisniveau sich konsolidiert hatte, 83,3 Pfennig (Diesel: 87,4 Pfennig).

Bundesregierung in Kriseneuphorie
Doch die Auswirkungen beschränkten sich nicht auf den Preis. Am 9. November verabschiedete der Bundestag das Energiesicherungsgesetz, das der Bundesregierung Sofortmaßnahmen erlaubte. Die machte umgehend von dieser neuen Möglichkeit Gebrauch. Am 19. November wurde ein generelles Sonntagsfahrverbot für vier Sonntage im November und Dezember erlassen. Zudem galt ein befristetes Tempolimit. Auf Autobahnen durften die Bundesbürger nur noch 100, auf Landstraßen 80 Stundenkilometer fahren. Und die Tankstellen durften nur noch eine begrenzte Menge Kraftstoff pro Kunden abgeben. All dies sollte den Energiekonsum bremsen. Bundeskanzler Willy Brandt gab die unangenehmen Entscheidungen in einer Fernsehansprache bekannt. Die Regierung signalisierte Tatkraft.

Insbesondere der erste autofreie Sonntag animierte die Bevölkerung, über sonst belebte Schnellstraßen zu flanieren; zwei Jungen aus Düsseldorf kamen auf die Idee, mit dem Fahrrad über die Autobahn nach Köln zu fahren. Dass sie nach wenigen Kilometern bereits von der Polizei gestoppt wurden, lag daran, dass es Sondergenehmigungen etwa für Ärzte und Taxis gab und die Autobahnen für Fahrräder wie Fußgänger weiter tabu waren. Aber es gab auch Protest gegen die Beschränkungen. Etwa von Stammkunden, die an „ihrer“ Tankstelle den Tankwärter nötigten, „voll“ zu tanken. Oder vom ADAC, der gegen die Fahrverbote mit einem Aufkleber protestierte. Der darauf abgedruckte Satz „Freie Bürger fordern freie Fahrt!“ sollte noch in den Achtzigern, leicht variiert, das Leitmotiv der Autofahrerlobby gegen Tempolimits bleiben. Generell jedoch machte sich im Land wie in der Regierung eher eine produktive Krisenstimmung breit. Der Journalist Klaus Harpprecht (Jahrgang 1927) war von 1972 bis 1974 Redenschreiber Brandts. In „Im Kanzleramt. Tagebuch der Jahre mit Willy Brandt“ (Reinbek 2001) beschreibt er unter dem Datum des 20. November die Stimmung so:

„Die Krise zeigt BK (Bundeskanzler Brandt ) entschlossen. Trotz der Last fühlt er sich ganz wohl in seiner Haut, wie immer, wenn er eine Situation übersieht, sei sie auch noch so schwierig. Im Gegenteil, er steigert sich am Grad der Schwierigkeit. Ein wenig liegt das auch in der Psychologie unserer Landsleute, die eine Kriegsatmosphäre erleben wollen, ohne daß Krieg ist. Es ist das, was ich die Krisen-Euphorie genannt habe. Ein unbekannter Faktor: die jungen Menschen, die niemals mit dem Mangel gelebt haben. Ich bin nicht skeptisch, was ihre Bereitschaft zur Disziplin, zur Beschränkung, auch zu einem gewissen Opfer angeht.“
   
Die Bundesrepublik war wie alle westlichen Industriestaaten Anfang der siebziger Jahre in hohem Maße abhängig vom arabischen Öl. Der Bonner Teilstaat deckte 55 Prozent seines Energiebedarfs mit dem schwarzen Gold; etwa 75 Prozent davon wurde aus den arabischen Ländern eingeführt. Entsprechend dramatisch waren die wirtschaftlichen Auswirkungen der Verknappung des Rohstoffs. Zahlreiche Industriebetriebe meldeten Kurzarbeit an, die Arbeitslosenquote stieg im Jahresmittel sprunghaft von 1,2 Prozent und 273.498 Arbeitslose (1973) auf 2,6 Prozent und 582.481 im Folgejahr an. 1975 überstieg die Zahl der Erwerbslosen erstmals seit 1955 wieder die Grenze von einer Million, um in der Folge nur noch in einer Phase, zwischen 1978 und 1980, knapp unter diese Marke zu rutschen. Mehr als alle anderen Zahlen zeigt die Arbeitslosenstatistik, dass die erste Ölkrise 1973 weit tiefer gehende Folgen hatte als kurzfristig verteuerten Sprit: das Wirtschaftswunder war am Ende, die Grenzen des Wachstums waren unwiderruflich erreicht. Anders ausgedrückt: Die soziale Marktwirtschaft hatte für alle sichtbar ihre Unschuld verloren. Die Autoindustrie dachte neu über den Kleinwagen nach, ganze Wirtschaftszweige wie die Textil- oder Schuhindustrie brachen weg. Der am 23. November 1973 beschlossene Anwerberstopp für die so genannten Gastarbeiter sollte den Arbeitsmarkt entlasten. Die Lage hatte sich also grundlegend gewandelt, auch wenn die arabischen Ölländer Ende 1973 die Lieferbeschränkungen langsam wieder lockerten.

„Es gibt viel zu tun. Packen wir’s an.“
Und auch die Mineralölindustrie kam nicht ungeschoren davon. Ihr Image in der Öffentlichkeit hatte auf dem Höhepunkt der Krise doch gelitten, das Kartellamt hatte ein (ergebnisloses) Missbrauchsverfahren gegen die Konzerne wegen angeblicher Preisabsprache eingeleitet. Die Reaktionen waren sehr unterschiedlich. Die damals noch rein national agierende Bochumer Aral (heute eine BP-Tochter) sah sich zu keiner Reaktion veranlasst, man fühlte sich nicht betroffen von der Kritik an den internationalen Multis. Auch Texaco und BP hielten sich zurück. Die Deutsche Shell in Hamburg dagegen, Tochter des niederländisch-britischen Konzerns, versuchte mit ganzseitigen Zeitungsanzeigen unter der Überschrift „Unsachliche Angriffe gegen die Ölindustrie! Shell antwortet mit Tatsachen und Zahlen“ gegenzusteuern. Auf Geheiß des damaligen deutschen Shell-Vorstandschefs Johannes C. Weibergen musste die Pressestelle unter Sprecher Karl Lott jeden Brief erboster Bürger an den Multi persönlich beantworten – auch die unsachlichsten. Die Shell-Kommunikation verbrachte in diesen Monaten auch viel Zeit bei Diskussionen in Schulen, Handelskammern und Gewerkschaftshäusern. „Ich musste den Leuten die einfachsten Grundbegriffe des Wirtschaftslebens erklären“, kommentierte Lott gegenüber der Wochenzeitung „Die Zeit“.

Einen anderen Kurs schlug der damalige Marktführer, die Deutsche Esso in Hamburg, ein. Sie setzte weniger auf den direkten Dialog mit erbosten Konsumenten, sondern auf eine groß angelegte Imagekampagne. „Die eigentliche PR-Krise hatte für uns erst Anfang 1974 eingesetzt“, erinnert sich der heute 83-jährige Esso-Veteran Ukert. Er berichtet von einem Krisenausschuss bei Esso, der das Ende klassischer Produktwerbung für Mineralöl beschlossen habe: „Es musste eine ganz andere Form von Kommunikation her.“ Die Kritik der Konsumenten deutete der Krisenausschuss als Frage, was mit dem Geld für Benzin und Heizöl geschehen würde. Die Antwort sollte die mehrjährige Imagekampagne der Esso ab 1974 geben: „Es gibt viel zu tun. Packen wir’s an.“

Gegenwärtig sei der Anstieg der Rohölpreise zwar viel drastischer, sagt Ukert, der heute als freier Mitarbeiter für den „Energie Informationsdienst“ tätig ist, „aber es fehlt, von Venezuela abgesehen, die politische Komponente.“ Grund für eine Entwarnung ist das für ihn dennoch nicht: „Es ist ein neues Element hinzugekommen. Das Anlagekapital hat das Öl entdeckt.“

Magazin & Werkstatt