06.12.2013 |   Debatte in Berlin

"Pressereisen sind für uns unverzichtbar"

Foto: DRPR
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Lebhaft war die Debatte um die Legitimität von Pressereisen am Dienstag in Berlin, zur der erstmals Presserat und der Deutsche Rat für Public Relations eingeladen hatten. Auf dem Podium unter anderem: Alexander Wilke, Kommunikationschef des Essener Stahlriesen ThyssenKrupp, der vor rund einem Jahr mit "Luxusreisen" für Journalisten in die Kritik geriet. Und Jörg Eigendorf, "Welt"-Investigativchef, der die Story damals aufschrieb - und in Berlin erneut in die Rolle des Chefanklägers schlüpfte.

Er verdamme Pressereisen nicht, sagte Eigendorf. "Es kommt auf das Maß an", die Bemessung könne man aber nicht dem einzelnen Journalisten überlassen, so Eigendorf, der vor allem auch die eigene Zunft in die Pflicht nahm: "Die Einhaltung des Pressekodex muss verbindlich sein." Er vermisse einen "Mechanismus oder eine Anreizstruktur", die Journalisten dazu anhalte, den Pressekodex zu achten.

Von Ausnahmen abgesehen halte er Einladungen zu Pressereisen indes nicht für sinnvoll. "Ich verstehe nicht, warum sich Medien nicht an den Kosten ihrer Recherchen beteiligen", sondern sich die Themen von Unternehmen servieren ließen. Exzesse wie die "Luxusreisen" bei ThyssenKrupp seien indes nur Spitze des Eisberges, "da lohnt sich ein Blick am Samstag in die Bundesliga-Lounges".

Unsicherheit unter Kommunikationschefs

Als gebranntes Kind demonstrierte Alexander Wilke auf dem Podium die Offenheit und Transparenz bei ThyssenKrupp, die er dem Konzern seit mehr als einem Jahr einbläut. "Pressereisen sind für uns unverzichtbar", sagte Wilke, sein Haus werde auch in Zukunft nicht darauf verzichten.

Er konstatiere eine große Verunsicherung, auch unter seinen Dax-Kollegen, dieses Thema betreffend. Wilke bemängelte die große Fixierung auf den Output, konkret also Artikel, die aus einer Recherchereise entstehen. Pressereisen seien ein unverbindliches Instrument der Kommunikation, um eine Nähe zwischen Unternehmen und Journalisten herzustellen, ähnlich wie Hintergundgespräche. "Wie sonst kann ich den Medien wirtschaftliche Zusammenhänge und die abtrakten Prozesse eines Unternehmens wie ThyssenKrupp nahe bringen, das 70 Prozent seines Geschäfts im Ausland erwirtschaftet", so Wilke.

Unlängst präsentierte Wilke eine Reihe von Punkten, um die Finanzierung von Recherchereisen zu regeln und transparent zu machen. Punkten, an denen sich andere Unternehmen durchaus ein Vorbild nehmen sollen. Mittlerweile kontrolliert auch die Compliance-Abteilung, wie angemessen der Umgang mit Medien ist, während ihre Richtlinien früher für Journalisten blind war. Der Aufreger rund um die Luxusreisen kostete den Verursacher, Ex-Kommunikationschef Jürgen Claassen, seinerzeit den Job - zuletzt verantwortete er als Vorstand ausgerechnet die Compliance-Arbeit des Konzerns und war Wilkes Chef.

Das Ende des Reisejournalismus?

Die Gemüter im Publikum erhitzten sich schnell an der strikten Haltung des Journalisten Eigendorf, der Ethik und Unabhängigkeit des Journalismus in Gefahr sieht - bedroht auch von der laxen Praxis, die Medien und Unternehmen bei Pressereise bislang an den Tag legen. Eine Abkehr bedeute den Ausschluss von Lokal-, Reise- oder Fachredaktionen, die kaum auf eigene Kosten vor Ort recherchieren könnten, so Stimmen im Publikum. Vom viel bemühten ökonomischen Druck in Verlagen war die Rede und Eigendorf musste sich die Erlösmodelle seines Hauses um die Ohren hauen lassen, bei denen es außerhalb seines Investigativressorts mit der journalistischen Unabhängigkeit auch nicht weit her erscheint.

Als Lösung bot das Podium vor allem Transparenz und eine ethische Grundhaltung bei Journalisten und PR-Leuten. Im Raum stand etwa eine extra Kennzeichnung unter Artikeln, sobald der Autor Beihilfen von Unterhemen emfangen habe. "Wir müssen vor allem Transparenz fordern", sagte Professor Jürgen Marten, stellvertretender Vorsitzender von Transparency International. Einen "Beipackzettel" zu Journalismus nannte Matthias Rosenthal, der für den DRPR auf dem Podium saß, diesen Vorschlag, der zu einem "Zwei-Klassen-Journalismus" führe.

Sowohl Rosenthal für den DRPR als auch Katrin Saft, für den Presserat auf dem Podium, pochten auf ihre jeweiligen Richtlinien. Der Presserat regelt den Umgang mit Pressereisen etwa in der Ziffer 15, der DRPR hat kürzlich neue Richtlinien zum Umgang mit Journalisten veröffentlicht und das Thema im vergangenen erneut generell im Kommunikationskodex ausgeführt.

Einmal mehr stellt sich die Frage, wie diese nachhaltig in die Köpfe zu bekommen ist und wie Arbeitgeber, Kunde und Verlage mehr in die Pflicht genommen werden müssen - die Wahrheit liegt sicherlich ein gutes Stück weit jenseits von normativen Gesetzen. Es blieb der Eindruck einer bewegten Debatte, die sich glücklicherweise rechtzeitig vom konkreten Fall ThyssenKrupp emanzipierte, der vermutlich vielschichtiger ist als es in Berlin zu verhandeln gewesen wäre.

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Bericht von Birgit Grigoriou

Medialotse

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