12.07.2017 |   Social Media

Twitter-Muffel und stolz darauf

Daniel Neuen, Chefredakteur PR Report
Daniel Neuen, Chefredakteur PR Report

In der Debatte um „Fake News“ wird häufig die mangelnde Medienkompetenz in Teilen der Bevölkerung beklagt. Aber wie steht es um die Medienkompetenz von PR-Profis? Ein Kommentar von Daniel Neuen, Chefredakteur des PR Reports.

Vor einigen Monaten kam es auf Twitter zum Vergleich zwischen vier PR-Profis großer Unternehmen: Philipp Schindera von der Telekom, Christoph Zemelka von Bosch, Oliver Santen von Siemens und Christian Lawrence, damals noch bei der Munich Re. Es ging um die Frage, wer die größte Gefolgschaft auf dem Kurznachrichtendienst hat.

Das Ganze war zwar vor allem augenzwinkernd gemeint, aber vielleicht auch nicht völlig ohne Ernst. Schließlich ächzen Kommunikatoren schon länger unter der Beweislast: Können sie digital? Da mag die Zahl der Follower für manchen ein Indikator sein - wobei nicht die Menge ein wichtiges Gütekriterium sein sollte, sondern eher, ob es die richtigen Nutzer sind.

Bots? Algorithmen? Nie gehört

Schindera lag mit seinen damals 1.800 Followern vorn. Verglichen mit Regierungssprecher Steffen Seibert, TV-Satiriker Jan Böhmermann und Donald Trump wirkt die Zahl geradezu lächerlich. Der Vergleich mit Politik, Promis und Präsidenten ist unfair, zeigt aber das Potenzial von Social Media. Spätestens seit dem amerikanischen Wahlkampf sollte jeder verstanden haben, welch mächtiges Instrument Twitter sein kann.

Dem ist leider nicht so. Wenige Tage vor der US-Wahl saß ich mit dem PR-Chef eines großen deutschen Unternehmens zusammen, das Millionen Endkunden hat und nicht nur deshalb anfällig dafür ist, stark im Feuer zu stehen. Wir tranken Kaffee, plauderten über die Zukunft der Medien und kamen unweigerlich auf die USA und den Wahlkampf zu sprechen. Besser gesagt: Das Sprechen übernahm mehr und mehr ich. Von Bots hatte der Mann noch nie was gehört. Und dass bei Facebook Algorithmen bestimmen, welche Inhalte Nutzer zu sehen bekommen, war für ihn neu.

Ein Einzelfall? Einige Wochen später traf ich den Sprecher eines Dax-Konzerns. Wie wir auf das Thema Social Media kamen, weiß ich nicht mehr. Aber der Herr war stolz darauf, dass er sich um Twitter nicht kümmert. Und dann höre ich von Pitches für Social-Media-Kampagnen, in denen eine Agentur Beispiel-Tweets präsentiert, die nichts taugten, weil sie das 140-Zeichen-Limit gesprengt haben.

Auch jenseits von Social Media muss man wohl an der Medienkompetenz einiger Berufskommunikatoren zweifeln. Böse Zungen behaupten, in manchem Newsroom sei der schicke Großbildschirm vor allem aufgebaut worden, um die Mannschaft auf den aktuellen Stand der Nachrichtenlage zu bringen. Nicht alle hätten abends die "Tagesschau" gesehen und morgens die Zeitung oder "Spiegel Online" gelesen.

Mehr als peinlich

Muss nun jeder PR-Profi Twitter, Facebook und Instagram aktiv nutzen? Sicher ist eine Mindestanforderung: Jeder muss die Mechaniken der sozialen Medien verstanden und verinnerlicht haben, der in diesem Beruf eine Zukunft haben will - denn sie sind Teil moderner Medienkompetenz, nicht nur wegen "Fake News". Und das geht am einfachsten, wenn man die Kanäle selbst nutzt oder zumindest ausprobiert. Früher ist (so hoffe ich) auch niemand PR-Chef geworden, der noch nie zuvor mit einem Journalisten gesprochen hat.

Es bricht keinem ein Zacken aus der Krone, sich ein wenig Social-Media-Nachhilfe geben zu lassen. Auch wenn es von einem Volontär oder Junior ist. Mehr als peinlich wird es spätestens, wenn der Vorstand merkt, dass Medien, die es zum Teil seit mehr als zehn Jahren gibt, für seinen PR-Chef Neuland sind.

 

Tipp: Im Herbst starten wieder unsere PR Report Touren. Diesmal stehen Social Media und Influencer Relations sowie die digitale Transformation der Unternehmenskommunikation auf dem Programm. Seien Sie dabei!

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