16.02.2017 |   Alastair McCapra über den Brexit und "alternative Fakten"

"Lügen sind nur bei wenigen Ausnahmen erlaubt"

Alastair McCapra, CEO des britischen Chartered Institute of Public Relations (c) CIPR
Alastair McCapra, CEO des britischen Chartered Institute of Public Relations (c) CIPR

Alastair McCapra ist CEO des britischen Chartered Institute of Public Relations, dem größten europäischen Mitgliederverband der Branche. Im Interview spricht er über den Brexit, Lügen und "alternative Fakten".

Lügen und das Verbreiten von Fake News scheinen erfolgreiche Tools in der Kommunikation zu sein. Aber ist es PR-Leuten überhaupt erlaubt, die Unwahrheit zu sagen?

Alastair McCapra: Grundsätzlich nein, das ist nicht erlaubt, abgesehen von sehr wenigen Ausnahmen, zum Beispiel einer strategischen Täuschung in Kriegszeiten. Jedes unserer Mitglieder, das in seiner beruflichen Tätigkeit absichtlich die Unwahrheit sagt, muss mit disziplinarischen Maßnahmen seitens des CIPR rechnen. Gleichzeitig müssen wir aber auch sehen, dass Kunden und Mitarbeiter den Unternehmenssprechern gelegentlich nicht die Wahrheit sagen, die dann ihrerseits in der Situation sind, unabsichtlich die Unwahrheit weiterzugeben.

Im US-Wahlkampf war Lügen fast schon Normalität. Donald Trumps Beraterin Kellyanne Conway kreierte einen interessanten Begriff, die "alternativen Fakten". Was halten Sie davon?

Es ist seltsam, dass jemand, der sich so schlecht ausdrücken kann, es geschafft hat, einen solchen Job zu bekommen. Man sollte ihr aber vielleicht zugutehalten, dass sie eigentlich auszudrücken versuchte, dass in der gegebenen Situation mehr Fakten zu berücksichtigen sind als nur jene, die von einem Journalisten präsentiert wurden, und dass man berechtigterweise nicht damit einverstanden sein muss, wie die Fakten gewichtet wurden. Zumindest hoffe ich, dass sie das gemeint hat.

Glauben Sie, dass das Einfluss auf die bevorstehenden Wahlen in europäischen Ländern wie die Niederlande, Frankreich, Deutschland oder Norwegen hat?

Ich glaube, die Verlogenheit der Politik ist nichts Neues. Das Standardbeispiel für blanke Lügen in Großbritannien ist der Zinoviev-Brief, der von der Daily Mail kurz vor der Wahl 1924 genutzt wurde, um die Labour Party anzugreifen. Allerdings ist die Wirkung solchen Aktionen schwierig einzuschätzen. Unbestritten ist, dass der Zinoviev-Brief bei der Wahl nahezu keinen Einfluss auf die Stimmen für Labour hatte. Dementsprechend ist nicht nachzuweisen, dass sich irgendjemand beim jüngsten UK-Referendum entschieden oder seine Meinung geändert hat aufgrund der vollkommen unsinnigen Behauptung, ein Verlassen der EU würde uns erlauben, dem Nationalen Gesundheitsdienst pro Woche 350 Millionen Pfund mehr zur Verfügung zu stellen. Der Zusammenhang zwischen unwahren Geschichten, Meinungen und Abstimmungsergebnissen ist nicht so eindeutig wie das im ersten Moment erscheinen mag.

Mit der Unterschrift unter den Mitgliedsantrag erkennen künftige Mitglieder der Deutschen Public Relations Gesellschaft den Deutschen Kommunikationskodex an und verpflichten sich damit, nicht zu lügen. In anderen Ländern ist das ebenso. Sind denn alle, die so etwas unterschreiben, realitätsfremd?

Das CIPR fordert dasselbe. Und wenn ein Neumitglied den Antrag unterschreibt oder wenn ein bestehendes Mitglied seine Mitgliedschaft jedes Jahr erneuert, verpflichtet es sich, alles offenzulegen, was es getan hat, das den Beruf in Misskredit bringen könnte. Wir nehmen aber nicht wirklich an, dass alle Mitglieder das tun. Wie auch immer, wer sich nicht daran hält, erlaubt uns, disziplinarische Maßnahmen unmittelbar und sehr direkt einzuleiten. Unethisches Verhalten in der politischen PR in Großbritannien war bisher Journalisten vorbehalten, die sich entschieden haben, für Politiker zu arbeiten - kein CIPR-Mitglied oder keine andere Person, die wir als PR-Fachmann ansehen, war jemals in so etwas involviert.

Das Vereinigte Königreich, das "Mutterland der PR", will die Europäische Union verlassen. Wird der Brexit die Entwicklung unseres Berufs beeinflussen?

Niemand in Großbritannien hat auch nur eine Idee davon, wie der Brexit irgendetwas beeinflussen wird. Wir operieren in einem Dunstfeld zwischen Panik und Wunschdenken. Es gibt auch keine vernünftige Diskussion darüber. Grundsätzlich denke ich aber, dass der Brexit im PR-Bereich weniger Auswirkungen haben wird als in manchen anderen Tätigkeitsfeldern, zum Beispiel in der Architektur und in den medizinischen Berufen.

CIPR-CEO Alastair McCapra wird am 22. und 23. März im Münchener Schloss Nymphenburg bei der dritten European Communications Convention über britische Erfahrungen mit der Lüge - unter anderem beim Brexit - sprechen. Der Kongress findet unmittelbar vor der Gala zur Verleihung des internationalen deutschen PR-Preises der DPRG statt. Hauptthema ist Lügen in der Kommunikation. Offizielles Partnerland dieses internationalen PR-Kongresses ist Großbritannien, unter anderem vertreten durch den größten europäischen Mitgliederverband der Branche, das Chartered Institute of Public Relations. Mehr über die ECC sowie Teilnahmebedingungen auf www.communications-convention.eu

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